Aufklärungsbroschüre
Die Operation: Stapedotomie / Stapedektomie
Narkose
Der Patient bekommt am Morgen der Operation Medikamente, die ihn schläfrig und gleichgültig werden lassen. Der Eingriff kann in Vollnarkose oder in örtlicher Betäubung durchgeführt werden.
Die Operation an sich ist keine große Belastung. Eine Vollnarkose hingegen stellt eine unnötige zusätzliche Belastung dar. Aus diesem Grund hat sich die örtliche Betäubung bewährt und ist in den meisten Fällen vorzuziehen. Bei der örtlichen Betäubung wird unmittelbar vor der Operation eine Medikamenten-Infusion in die Armvene gelegt, die den Patienten in einen schlafähnlichen Zustand versetzt. Eine Narkoseschwester überwacht während der Operation den Kreislauf durch EKG, Sauerstoffmessung des Blutes und regelmäßige, automatische Blutdruckmessung.
Der Vorteil der örtlichen Betäubung ist auch, dass der Erfolg der Operation, nämlich die Hörverbesserung, unmittelbar überprüft werden kann. Nötige Korrekturen können sofort vorgenommen werden. Bei einer Operation in Vollnarkose erfordern Korrekturen eine zweite Operation. Ein weiterer Vorteil ist, dass bei bestimmten Operationsschritten, die Schwindel hervorrufen können, der Operateur aufgrund der Reaktion des Patienten eine weitere Reizung des Gleichgewichtsorgans vermeiden kann.
Daher sollte nur unter besonderen Umständen auf die Vollnarkose zurückgegriffen werden. Es kann vorher die Narkoseform besprochen werden, wobei der Patient davon überzeugt sein sollte, dass ihm der Arzt aus seiner Erfahrung heraus das Beste empfiehlt.
Ablauf der Operation
Der Operateur legt zunächst einen Hautschnitt im oberen Bereich des Gehörgangs an. Dann schlägt er auf dem Weg durch den Gehörgang das Trommelfell mit einer Gehörgangshautmanschette nach vorne. Auf diese Weise erhält der Operateur unter dem Mikroskop einen guten Überblick über das Mittelohr. Häufig verdeckt eine kleine Knochenklippe des Gehörgangs den Blick auf den Steigbügel und muss entfernt werden. Dann werden von der festsitzenden und somit funktionsuntüchtigen Steigbügelfußplatte die Steigbügelschenkel
abgebrochen und herausgelöst.
In den Anfangsjahren der Entwicklung dieser Operationsmethode wurde versucht, Anteile der Steigbügelschenkel wieder zu verwenden.
Im Hinblick auf das Dauerergebnis hat sich dies jedoch nicht bewährt, so dass heute bei uns ausschließlich Steigbügelprothesen, so genannte Pistons aus Titan, zum Einsatz kommen.
Hierbei handelt es sich um ein zylindrisches Implantat, welches am Ambossfortsatz fixiert und durch ein Loch in der Fußplatte des Steigbügels in die Flüssigkeit des Innenohres eingestellt wird
(Stapedotomie).

In vielen Fällen wird ein Teil der Steigbügel-Fußplatte z.B. ein Drittel oder die Hälfte entfernt (Stapedektomie). Die früher übliche vollständige Entfernung der Fußplatte ist heute eine Rarität.
Die Operation dauert bei normalem Verlauf weniger als 40 Minuten. Am Ende wird das Trommelfell wieder in seine normale Lage gebracht und der Gehörgang mit Silikonfolie abgedeckt und einem Salbenstreifen verschlossen. Dadurch verschlechtert sich zunächst das Gehör wieder.
Ein bis zwei Tage nach der Operation wird der Salbenstreifen entfernt. Dadurch empfindet der Patient wiederum ein besseres Hören, das aber in der Folgezeit durch Schwellung und Bildung eines Blutergusses im Mittelohr noch Schwankungen unterworfen ist. Dies ist kein Grund zur Beunruhigung, solange wir aus unserer Erfahrung den normalen Verlauf bestätigen. Manche Patienten empfinden das wieder gewonnene Gehör als unnatürlich und zu laut, vor allem wenn nur eine geringe Schwellung und kaum Blutansammlung im Mittelohr vorhanden sind. Das Hören wird von manchen Patienten mit einem „alten Bahnhofslautsprecher“ verglichen. Die Heilung ist endgültig erst nach 6 bis 8 Wochen erreicht. Dann hat sich der Patient normalerweise an das wieder gewonnene Hören gewöhnt.
Durch die bei der Operation notwendige Eröffnung des Innenohrs können nach der Operation für einige Tage leichte Gleichgewichtsstörungen auftreten. Sie stellen keine besondere Belastung dar und der Patienten kann am Nachmittag oder am Tag nach der Operation aufstehen, in den nächsten Tagen spazieren gehen und spätestens nach einer Woche aus dem Krankenhaus entlassen werden. Leichter Schwindel z.B. bei plötzlichen Kopfbewegungen kann bis zu drei oder vier Wochen lang empfunden werden. Sollte der Schwindel auf Grund individueller Veranlagung oder besonderer Operationsbefunde in den ersten Tagen nach der Operation stärker ausgeprägt sein, führen wir eine entsprechende medikamentöse Therapie, ggf. eine Infusionsbehandlung, während der akuten Beschwerden durch.
Manchmal tritt ein süßlicher oder metallischer Geschmack auf der gleichseitigen Zungenseite auf. Dieser verliert sich nach wenigen Tagen oder Wochen. Nur selten haben wir solche Störungen der Geschmacksempfindungen nach mehr als sechs Monaten beobachtet.
Grundsätzlich müssen wir darauf hinweisen, dass nach der Ausheilung eine gewisse Empfindlichkeit bei zu starker Lärmbelastung bestehen bleibt, z.B. bei Konzerten, Feiern oder Musikhören mit Kopfhörern. Das liegt daran, dass der kleinste Muskel im menschlichen Körper, der Steigbügelmuskel, bei der Opoeration durchtrennt werden muss und damit nicht mehr wie bei einem gesunden, beweglichen Steigbügel eine Dämpfung der Schallübertragung (z.B. bei zu großer Lautstärke) bewirkt.
Nicht so laut!
Generell gilt für alle Menschen, besonders aber für operierte Otosklerosepatienten, dass zur Vermeidung von Innenohrschäden hohe Lärmpegel vermieden, zumindest aber Ohrstöpsel als Lärmschutz benutzt werden sollten.
Chancen und Risiken der Operation
Häufig fragen Patienten nach einer Garantie für den Erfolg. Im medizinischen Bereich kann man jedoch weder Garantien noch Sicherheiten oder Versprechungen geben. Wir können auf Grund unserer Erfahrung bei mehr als 2.000 Patienten sagen, dass bei normalem Heilverlauf das Gehör erreicht wird, das jeweils der Innenohrleistung entspricht.
In 1% aller Fälle kann nach der Operation eine Verschlechterung des Gehörs eintreten. In extremen Ausnahmefällen (bei uns unter 0,4% aller Fälle) ist eine Taubheit aus nicht erkennbaren Gründen als unmittelbare Folge der Operation möglich, so dass auch das Tragen eines Hörgerätes nicht mehr hilfreich ist.
Trotz umfangreicher Kenntnisse, größter Erfahrung und sorgfältiger Aufsichtspflicht können Komplikationen auftreten, die bei der Aufklärung in der Praxis bereits erwähnt wurden, z.B. Gesichtsnervenlähmung, Hirnhautentzündung, anhaltender Schwindel oder sogar der Tod.
Sie sind bei uns so selten oder noch nie aufgetreten, dass wir das allgemeine Unfallrisiko im Alltag deutlich höher einstufen.
Welches Hörergebnis kann erwartet werden?
Nicht alle Patienten können durch die Operation ein optimales Gehör wieder erlangen.
Bei normalem Heilungsverlauf, den wir statistisch in über 98% der Fälle erwarten können, erreicht der Patient das Hörergebnis, das seiner noch vorhandenen Innenohrleistung entspricht. Zeigt also die Hörprüfung vor der Operation ein normales Hörvermögen des Innenohres, so ist durch die Operation praktisch Normalhörigkeit zu erreichen.
Besteht aber z.B. zusätzlich eine mittel- bis hochgradige Einschränkung der Innenohrleistung (kombinierte Schwerhörigkeit), so liegt auch dann noch ein optimales Ergebnis vor, wenn durch die
Operation die Schallleitungsstörung aufgehoben wird und der Patient mit einem Hörgerät besser und für längere Zeit hören kann.
Vor der Operation wird mittels der Hörprüfung festgestellt, welches Ergebnis nach der Operation voraussichtlich zu erwarten ist:
- Der Patient wird praktisch normal hören.
- Der Patient wird sich im kleineren Kreis auch ohne Hörgerät unterhalten können.
- Der Patient wird bei zusätzlicher Benutzung eines Hörgeräts einer Unterhaltung aus der Nähe folgen können.
- Bei dem Patienten ist die Schädigung des Innenohres so weit fortgeschritten, dass die Operation nur als Versuch angesehen wer- werden kann, das Gehör zu bessern; eine Aussage den über das Ergebnis kann jedoch vor der Operation nicht getroffen werden.
Soll auch das zweite Ohr operiert werden?
Die Otosklerose ist eine Erkrankung beider Ohren, welche zur Verschlechterung des Gehörs und zur völligen Ertaubung führen kann. Es können entweder beide Ohren gleichzeitig betroffen sein, oder zunächst nur eine Seite, und irgendwann später auch die zweite Seite.
Wenn ein Ohr operiert ist, stellt sich die Frage, ob auch das zweite Ohr operiert werden soll. Diese Entscheidung wird erheblich schwieriger, wenn das bereits operierte Ohr z.b. durch Hörsturz,
Unfall, Entzündung oder Altersschwerhörigkeit ausfällt. Dann hört der Patient auf beiden Seiten schlecht, wobei das nicht operierte Ohr zur „letzten Chance“ wird.
Um solche für den Patienten sehr belastende Situationen zu vermeiden, wird die Operation auch des zweiten Ohres empfohlen. Die Wahl des richtigen Zeitpunktes ist von den unterschiedlichsten Überlegungen abhängig, die der Arzt im persönlichen Gespräch mit dem Patienten erörtert.
Außerdem kann das räumlich-plastische bzw. Richtungshören dem Patienten durch die Operation nur eines Ohres nicht vermittelt werden. Hierzu ist das Hörvermögen beider Ohren notwendig.
Nach der Operation des zweiten Ohres ist häufig das Empfinden für den Patienten anders als nach der Operation des ersten Ohres. Wenn nach der Operation des ersten Ohres das Gehör sich positiv entwickelt, wird dies vom Patienten deutlich als Wieder-Hören-Können empfunden. Nach der Operation des zweiten Ohres hingegen hat der Patient anfangs das Gefühl, dass sich das Gehör nicht so schnell entwickelt wie auf der zuerst operierten Seite.
Das liegt daran, dass bei der Operation des zweiten Ohres bereits das erste die optimale Hörkraft hat. Dies überlagert die langsame Hörverbesserung des zweiten Ohres. Erst nach endgültiger Heilung hat der Patient das Erlebnis des plastischen, richtungsbezogenen Hörens. Dies hat den Vorteil des besseren Sprachverstehens auch bei
Umgebungslärm und größerer Sicherheit im Umgang mit Menschen.
Vor der Operation
Liegen besondere Erkrankungen vor, sollte vom behandelnden Arzt entschieden werden, ob eine notwendige Behandlung der Operation vorangestellt werden muss. Ein fortgeschrittenes Alter bzw. eine gut behandelte Allgemeinerkrankung sind kein Grund, die Operation nicht durchzuführen. Blutverdünnende Medikamente wie Aspirin (z.B. ASS), Marcumar o. ä. müssen 1 bis 2 Wochen vor der Operation nach Rücksprache und unter Kontrolle des Hausarztes abgesetzt sein.
Es dürfen keine akuten Entzündungserkrankungen bestehen, wie eitriger Schnupfen, Furunkel, Geschwüre im Gehörgang etc.
Eine Überempfindlichkeit (Allergie) gegen Medikamente, Pflaster usw. muss uns oder einer Stationsschwester unbedingt vor der Operation mitgeteilt werden.
Medikamente zur Behandlung des Bluthochdrucks (Hypertonus) werden ggf. wie gewohnt auch am Morgen vor der Operation eingenommen. Die Einnahme weiterer Medikamente muss mit uns in der Praxis oder mit der Stationsschwester bzw. bei geplanter Vollnarkose mit dem Narkosefacharzt unseres Krankenhauses am Vortag der Operation besprochen werden.
Vor der Operation müssen unbedingt zwei ausführliche Hörprüfungen (Audiogramme) in unserer Praxis durchgeführt worden sein.
Der stationäre Aufenthalt beträgt in der Regel 5 bis 7 Tage. Dieser Zeitraum ist wegen des Schwindelrisikos auch bei subjektivem Wohlbefinden anzuraten.
Nach der Operation
Am Nachmittag nach der Operation kann der Patient je nach Befinden bereits aufstehen – beim ersten Mal sicherheitshalber nur in Gegenwart einer Krankenschwester.
In den Tagen nach der Operation kann der Patient nach individuellem Befinden für kurze oder längere Zeit aufstehen und spazieren gehen. Wegen der Gefahr des Schwindels sollte der Patient
sich in den ersten ein bis zwei Wochen nach der Operation ruhig und langsam bewegen und vor allem abrupte Kopfbewegungen vermeiden. Länger dauernde Belastung der Augen (z.B. durch intensives Lesen, Fernsehen, Stricken oder Computerarbeit) kann den Schwindel begünstigen.
Wurde eine Titanprothese zur Hörverbesserung eingesetzt, erhält der Patient in jedem Fall einen Implantatpass. Er ist bei Röntgenaufnahmen des Schädels dem Röntgenarzt zur Information vorzulegen. Nach heutigen Erkenntnissen bestehen keinerlei Einschränkungen, auch nicht bei Computer- (CT) oder Kernspintomografie-Aufnahmen (MRT).
Es ist wichtig, dass nach der Operation für ca. 4 Wochen die Nase möglichst nicht geschnäuzt wird. Überhaupt ist darauf zu achten, dass auch in der Folgezeit, z.B. während einer Erkältung das heftige Schnäuzen unterbleibt und die Nase im Bedarfsfall mit Nasentropfen oder durch einseitiges Ausschnauben freigemacht wird. Dieser Hinweis ist übrigens nicht nur für Patienten wichtig, bei denen eine Operation am Ohr durchgeführt wurde; es betrifft alle, da nach unserer Erfahrung viele Mittelohrentzündungen durch zu heftiges oder falsches Schnäuzen auftreten.
Beim Niesen sollte der Mund geöffnet werden.
Bei starker Lärmeinwirkung sollte ein entsprechender Schutz getragen werden.
Haarewaschen ist wenige Tage nach der Operation möglich, vorausgesetzt, dass das Ohr geschützt wird.
Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus sollte jeder Patient noch zwei Wochen Schonung einplanen. Die im Arbeitsverhältnis stehenden
Patienten werden in dieser Zeit arbeitunfähig geschrieben. Auch bei subjektiv gutem Befinden muss berücksichtigt werden, dass es sich bei dieser Operation um eine vorübergehende Eröffnung des Innenohres handelt und damit auch des Gleichgewichtorgans handelt und Schonung daher nötig ist.
In den zwei Wochen nach der Entlassung sollte vorsorglich der Gehörgang des operierten Ohres täglich mit Ohrentropfen gefüllt werden, wie es dem Patienten im Krankenhaus gezeigt worden ist. Wenn das Fläschchen geleert ist, bedarf es keiner besonderen Rücksichtnahme mehr. Nach diesen zwei Wochen sollte der Patient den überweisenden Haus- oder Facharzt aufsuchen.
Nach 3 Wochen darf wieder eine leichte sportliche Betätigung aufgenommen werden.
Nach spätestens 6 Wochen sind auch Flugreisen und intensive sportliche Betätigung wieder erlaubt. Nach dieser Zeit sollte aber dosiert mit körperlicher Belastung angefangen werden. Sportarten, die mit starken Druckbelastungen des Mittelohres verbunden sein können (z.B. Tauchsport), sind bei geübten, erfahrenen Sportlern auch mit dem eingesetzten Piston möglich. Wir raten aber davon ab, eine solche Sportart als Anfänger zu erlernen, da eine unkontrollierte Druckschwankung im Mittelohr den Piston zu tief in das Innenohr eintauchen lassen kann, wodurch erheblicher Drehschwindel provoziert wird.
Nach der endgültigen Entwicklung des Gehörs – etwa nach 6 bis 8 Wochen – bitten wir um eine Wiedervorstellung in unserer Sprechstunde, um eine Abschlussuntersuchung durchführen zu können. Der Termin wird bereits während des Krankenhausaufenthaltes von einer unserer Helferinnen beim ersten Kontrollhörtest nach der Operation schriftlich ausgehändigt.
Danach sind Kontrollen mit Hörtest im Abstand von 1 bis 2 Jahren zu empfehlen.
Einen Informationsbogen mit einem kurzgefassten Überblick über das Verhalten nach der Operation erhält der Patient zusätzlich bei der stationären Aufnahme auf der Station.